Damals..
Bis zu meinem sechsten Lebensjahr war ich eigentlich immer in Krankenhäusern. Das mag vielleicht ein Grund sein, weshalb ich nie einen schlimmen Hospitalismus entwickelt habe. Im Gegenteil, ich fühle mich auch heute noch in Krankenhäusern recht wohl und den Geruch von Desinfektionsmitteln mag ich immer noch genauso gerne, wie den Duft von Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln von meiner Mutter. :-)
Und ich liebte das Fernsehen, gelesen habe ich dagegen kaum, meine Behinderung spielte dabei eine nicht ganz unerhebliche Rolle.
Ich habe erst mit 5 Jahren laufen gelernt, davor ging es nur auf allen Vieren durch die Wohnung, zumindest in mobileren Phasen.
Aber meist war es so, dass irgendwelche Gipsverbände, mich dazu zwangen, nur einen begrenzten Bewegungsradius mein eigen zu nennen. Manchmal konnte ich sogar mit ägyptischen Mumien konkurrieren, denn es war in der Zeit oft üblich, dass Kinder mit Becken und Hüftproblemen vom Bauchnabel abwärts komplett in ein Gipsbett "eingeschichtet" wurden.
Das war aber wiederum für meine Mutter recht praktisch, denn sobald ich mal quängelig drauf war, hat sich mich einfach gepackt, und mich vom Wohnzimmer ins Kinderzimmer befördert , an die Wand gestellt - wie eine Schaufensterpuppe - und den Kassettenrekorder eingeschaltet. Eine Supernanny mit Straftreppe und Brav-sein-Smiliey-Währung waren nicht nötig.
Aber irgendwann wechselten die Ärzte die Therapieformen und der Gips kam endgültig ab..Tja aber die Muskultaur meiner Beine war auch komplett weg.
Musste also was tun..rohe Eier schlucken und auf Rinderhälften eindreschen bekam ich nicht auf die Reihe....also robbte ich an die Wand und lehnte mich an. Und dann hiess es "hochstützen und an der Tapete den Körper nach ob schieben"..Mein erster Versuch dauerte knapp 3 Nanosekunden, kippte über und lag dann mit dem Gesicht auf dem Schaffell, und der erste von vielen , kindlichen "Scheisse"-Seufzer und dazugehörigem Augenrollen war geboren.
Ich weiss nicht wieviele Wochen es dauerte, aber dann war es soweit, ich konnte stehen..okay zwar nicht sehr sturmsicher, gelinde gesagt, eigentlich hätte schon ein Puster genügt, um mich umfalltechnisch meinem Freund, dem Schaffell wieder näher zu bringen.
Aber der Frühmensch hat jetzt auch keine 6,0 als Haltungsnote bekommen, als er damit anfing aufrecht zu stehen..Denn russische Wertungsrichterinnen bevölkerten erst ein paar Millionen Jahre später den Planeten.
Das Gehen klappte recht bald im Gegenzug dazu. Und dann gab es für mich kein Halten mehr, ich sauste so oft es ging durch die Gegend.
Tja und nun kommt auch die Erklärung, warum ich daraufhin Fernsehen lieber mochte, als Bücher.
Lesen geht nun mal nicht so gut, wenn man läuft und Stillsitzen wollte ich so schnell nicht mehr. Ergo war Fernsehen praktischer, Sesamstrasse to-go? Kein Problem, wenn man zwischen Kinder- und Wohnzimmer pendelte..;-)
Ausserdem war es damals in der Klinik so, dass es dort keinen Fernseher gab, sondern es kamen immer ein paar ältere Damen, die zwar sehr nett waren, aber sie rochen ganz furchtbar nach Talk und 4711 oder Tosca und da konnte es schon mal sein, dass wenn Du als Kind zu nahe an der Märchentante gesessen hast, dass dann der Wolf ( der mit den 7 Ziegen ) plötzlich als psychodelische Fata Morgana vor Dir im Zimmer erschien
...dann schon lieber ein harmloser Wickie, der wohl zwar schon damals ein Kokain-Problem hatte, weil er sich ständig an der Nase rieb, aber keinen Wunsch verspürte Frauenkleider anzuziehen, nur um unschuldigen Geisslein vorzugaukeln, er wäre die Grossmutter und sie dann verspeiste.
Darüber hinaus bot die damalige Kinderliteratur für mich nichts Interessantes. Fantasiegeschichten à la Momo konnte ich kaum was abgewinnen, da mir der Bezug zur Realität fehlte.
Auch DIE Kinderbüchersendung "Lemmi und die Schmöker" mochte ich nicht, weil ich es merkwürdig fand, dass eine sprechende Socke mit Hornbrille und Irokesen-Frisur Bücher vorstellte.
Das lag aber wohl auch an dem Klinikalltag, den ich damals oft erlebt habe, da gab es Schmerzen, Tränen, Angst und manchmal leider auch den Tod von anderen kleinen Patienten. Fantasie und Unbeschwertheit waren nicht sehr oft vorhanden. Habe mich aber auch nicht in Märchenwelten aus Gründen der Kompensation verkrochen.
Einzig meine nächtlichen Gespräche mit Gott waren mir wichtig und die brauchte ich auch, denn mit meiner Familie konnte und wollte ich nicht darüber sprechen, weil ich sehr früh schon mitbekam, wie sehr sie meine Klinikaufenthalte belastete, da sie nichts tun konnte, als nur für mich da zu sein, aber mir genügte das schon.
Meine Erlebnisse spiegelten sich auch in meinen Spielphasen mit anderen Kindern wider, anstatt ganz harmlos Vater-Mutter-Kind oder Prinzessinnen-Geschichten nachzustellen, waren meine Barbies oftmals entweder schwer krank oder behindert, oder bald tot. Ken ( die einzige männliche Puppe) hatte es da besonders schwer, denn ich wollte nie den Mann spielen, also musste ich mir etwas einfallen lassen, da konnte es schon mal sein, dass er mit Barbies-Traumauto die Klippen hinunterstürzte und dann sein Fahrzeug in Flammen aufging, oder aber er bekam eine Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr erholte, war zwar schade, aber ich war raus aus der Nummer..;-)..
So gesehen war meine Kindheit ganz in Ordnung, klar hat sie sich vom Ablauf her bisweilen schon von der unterschieden, die beispielsweise meine Freunde so erlebt haben. Aber jahrelang gelitten habe ich nicht, genauso wenig war ich Hänseleien ausgesetzt. Vielleicht war es so, wie Lothar Matthäus es einst im korrekten Oxford-Englisch der Welt mitgeteilt hat : "Perhaps I got a little bit lucky.."
..Ist irgendwie interessant, dass ich an fast jedes Ende meiner Beiträge ein Happy-End setzen will.
Vielleicht hätte ich doch mehr "schwere Kost" lesen sollen, anstatt alle Folgen "Unsere kleine Farm" fast schon intravenös mir reinzuziehen..;-)..Aber wer weiss, welches Schicksal dann Ken widerfahren wäre..
Und ich liebte das Fernsehen, gelesen habe ich dagegen kaum, meine Behinderung spielte dabei eine nicht ganz unerhebliche Rolle.
Ich habe erst mit 5 Jahren laufen gelernt, davor ging es nur auf allen Vieren durch die Wohnung, zumindest in mobileren Phasen.
Aber meist war es so, dass irgendwelche Gipsverbände, mich dazu zwangen, nur einen begrenzten Bewegungsradius mein eigen zu nennen. Manchmal konnte ich sogar mit ägyptischen Mumien konkurrieren, denn es war in der Zeit oft üblich, dass Kinder mit Becken und Hüftproblemen vom Bauchnabel abwärts komplett in ein Gipsbett "eingeschichtet" wurden.
Das war aber wiederum für meine Mutter recht praktisch, denn sobald ich mal quängelig drauf war, hat sich mich einfach gepackt, und mich vom Wohnzimmer ins Kinderzimmer befördert , an die Wand gestellt - wie eine Schaufensterpuppe - und den Kassettenrekorder eingeschaltet. Eine Supernanny mit Straftreppe und Brav-sein-Smiliey-Währung waren nicht nötig.
Aber irgendwann wechselten die Ärzte die Therapieformen und der Gips kam endgültig ab..Tja aber die Muskultaur meiner Beine war auch komplett weg.
Musste also was tun..rohe Eier schlucken und auf Rinderhälften eindreschen bekam ich nicht auf die Reihe....also robbte ich an die Wand und lehnte mich an. Und dann hiess es "hochstützen und an der Tapete den Körper nach ob schieben"..Mein erster Versuch dauerte knapp 3 Nanosekunden, kippte über und lag dann mit dem Gesicht auf dem Schaffell, und der erste von vielen , kindlichen "Scheisse"-Seufzer und dazugehörigem Augenrollen war geboren.
Ich weiss nicht wieviele Wochen es dauerte, aber dann war es soweit, ich konnte stehen..okay zwar nicht sehr sturmsicher, gelinde gesagt, eigentlich hätte schon ein Puster genügt, um mich umfalltechnisch meinem Freund, dem Schaffell wieder näher zu bringen.
Aber der Frühmensch hat jetzt auch keine 6,0 als Haltungsnote bekommen, als er damit anfing aufrecht zu stehen..Denn russische Wertungsrichterinnen bevölkerten erst ein paar Millionen Jahre später den Planeten.
Das Gehen klappte recht bald im Gegenzug dazu. Und dann gab es für mich kein Halten mehr, ich sauste so oft es ging durch die Gegend.
Tja und nun kommt auch die Erklärung, warum ich daraufhin Fernsehen lieber mochte, als Bücher.
Lesen geht nun mal nicht so gut, wenn man läuft und Stillsitzen wollte ich so schnell nicht mehr. Ergo war Fernsehen praktischer, Sesamstrasse to-go? Kein Problem, wenn man zwischen Kinder- und Wohnzimmer pendelte..;-)
Ausserdem war es damals in der Klinik so, dass es dort keinen Fernseher gab, sondern es kamen immer ein paar ältere Damen, die zwar sehr nett waren, aber sie rochen ganz furchtbar nach Talk und 4711 oder Tosca und da konnte es schon mal sein, dass wenn Du als Kind zu nahe an der Märchentante gesessen hast, dass dann der Wolf ( der mit den 7 Ziegen ) plötzlich als psychodelische Fata Morgana vor Dir im Zimmer erschien
...dann schon lieber ein harmloser Wickie, der wohl zwar schon damals ein Kokain-Problem hatte, weil er sich ständig an der Nase rieb, aber keinen Wunsch verspürte Frauenkleider anzuziehen, nur um unschuldigen Geisslein vorzugaukeln, er wäre die Grossmutter und sie dann verspeiste.
Darüber hinaus bot die damalige Kinderliteratur für mich nichts Interessantes. Fantasiegeschichten à la Momo konnte ich kaum was abgewinnen, da mir der Bezug zur Realität fehlte.
Auch DIE Kinderbüchersendung "Lemmi und die Schmöker" mochte ich nicht, weil ich es merkwürdig fand, dass eine sprechende Socke mit Hornbrille und Irokesen-Frisur Bücher vorstellte.
Das lag aber wohl auch an dem Klinikalltag, den ich damals oft erlebt habe, da gab es Schmerzen, Tränen, Angst und manchmal leider auch den Tod von anderen kleinen Patienten. Fantasie und Unbeschwertheit waren nicht sehr oft vorhanden. Habe mich aber auch nicht in Märchenwelten aus Gründen der Kompensation verkrochen.
Einzig meine nächtlichen Gespräche mit Gott waren mir wichtig und die brauchte ich auch, denn mit meiner Familie konnte und wollte ich nicht darüber sprechen, weil ich sehr früh schon mitbekam, wie sehr sie meine Klinikaufenthalte belastete, da sie nichts tun konnte, als nur für mich da zu sein, aber mir genügte das schon.
Meine Erlebnisse spiegelten sich auch in meinen Spielphasen mit anderen Kindern wider, anstatt ganz harmlos Vater-Mutter-Kind oder Prinzessinnen-Geschichten nachzustellen, waren meine Barbies oftmals entweder schwer krank oder behindert, oder bald tot. Ken ( die einzige männliche Puppe) hatte es da besonders schwer, denn ich wollte nie den Mann spielen, also musste ich mir etwas einfallen lassen, da konnte es schon mal sein, dass er mit Barbies-Traumauto die Klippen hinunterstürzte und dann sein Fahrzeug in Flammen aufging, oder aber er bekam eine Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr erholte, war zwar schade, aber ich war raus aus der Nummer..;-)..
So gesehen war meine Kindheit ganz in Ordnung, klar hat sie sich vom Ablauf her bisweilen schon von der unterschieden, die beispielsweise meine Freunde so erlebt haben. Aber jahrelang gelitten habe ich nicht, genauso wenig war ich Hänseleien ausgesetzt. Vielleicht war es so, wie Lothar Matthäus es einst im korrekten Oxford-Englisch der Welt mitgeteilt hat : "Perhaps I got a little bit lucky.."
..Ist irgendwie interessant, dass ich an fast jedes Ende meiner Beiträge ein Happy-End setzen will.
Vielleicht hätte ich doch mehr "schwere Kost" lesen sollen, anstatt alle Folgen "Unsere kleine Farm" fast schon intravenös mir reinzuziehen..;-)..Aber wer weiss, welches Schicksal dann Ken widerfahren wäre..
zwei-cent-senfglas - 9. Okt, 11:07
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